Rückenschule mit Grönemeyer
http://www.faz.net/aktuell/stil/leib-seele/medicus-dietrich-groenemeyer-hausbesuch-und-rueckenuebungen-13202815.html?printPagedArticle=trueMediziner Dietrich Grönemeyer ist Autor zahlreicher Gesundheitsratgeber, Fernsehgesicht, Chef seines eigenen Instituts. Wie sieht er sich selbst und seinen Beruf? Ein Hausbesuch und zwei F.A.Z.-Videos mit anschaulichen Rückenübungen.
Es ist ein regnerischer Nachmittag. Ein Wetter, das dem ohnehin schon grauen Ruhrgebiet nicht schmeichelt. In der Trostlosigkeit zwischen den Betonbauten der Bochumer Universität fällt das helle, verglaste Gebäude deshalb besonders auf. In großen Buchstaben prangt am Eingang der Schriftzug „Grönemeyer-Institut“. Wie Preziosen in einer Glasvitrine eingeschlossen, begrüßen den Besucher hier auch all die Ratgeber des Hausherrn – Bücher über das Herz, den Rücken, gesundes Essen, richtige Lebensführung.
Lucia Schmidt Autorin: Lucia Schmidt, Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Folgen:
Wie es sich für viel gefragte Menschen gehört, hat Dietrich Grönemeyer nicht sofort Zeit für das vereinbarte Gespräch. Um die Zeit zu überbrücken und um zu zeigen, was das Institut alles bietet, lädt seine Assistentin zum Rundgang ein. Man läuft auf Holzböden vorbei an bunt gestrichenen Wänden, Pflanzen, Bildern und gemütlichen Sitzgelegenheiten, alles wohldurchdacht. In den Ecken und Gängen stehen Skulpturen. Sie stammen von „den Lieblingskünstlern des Professors“, erklärt die Assistentin, und die philosophischen Weisheiten, die an die Wand gepinselt sind, „mag der Professor besonders gerne“.
So nennen seine Mitarbeiter Grönemeyer oft nur: „den Professor“. Es klingt fast fade gegen die Superlative, welche die Öffentlichkeit seit Jahren schon für den Mediziner findet. War Dietrich Grönemeyer vor fünfundzwanzig Jahren schlicht Arzt und Wissenschaftler, dazu der große Bruder des prominenten Sängers aus dem Ruhrpott, lesen sich die Beschreibungen seiner Person heute wie Ritterschläge: Vordenker, Ernährungsberater, Bestsellerautor, erfolgreicher Unternehmer, Fernsehmoderator; demnächst kommt er auch noch ins Kino. In den Medien ist er der „Mediziner mit Leib und Seele“, der „bekannteste“, gar „berühmteste Arzt Deutschlands“, „der große Medicus“, für manche schlichtweg der „Medizin-Papst“.
Der Vater der Mikrotherapie
Neben seinem Namen, der seine Institute in Bochum und Berlin schmückt, steht stets der Slogan, die Medizin müsse den „Menschen“ in den „Mittelpunkt“ stellen. Es ist Grönemeyers Leitgedanke. Und tatsächlich: Möbel, Farben und viel natürliches Licht schaffen hier mehr Wohlfühlatmosphäre als das Neonlicht und der Linoleumboden vieler deutscher Arztpraxen. Im Kontrast zu der warmen Ansprache auf den Gängen steht die kühle, wuchtige Technik der Behandlungsräume; hier reihen sich die neuesten Computer- und Kernspintomographen aneinander, für die kühle Durchleuchtung des Körpers.
Solche Geräte kosten Geld – nicht wenig. Aber sie spülen auch so einiges in die Kassen. Radiologie ist ein teures und lukratives Fach. Grönemeyer ist Radiologe. Als junger Arzt wollte er zunächst Allgemeinmediziner werden, gar Landarzt. Dann aber ließ ihn seine Begeisterung für Technik nicht los. So wurde die Radiologie sein Fachgebiet. Genauer gesagt: die Mikrotherapie. Wieder in Superlativen gesprochen, ist er der „Vater der Mikrotherapie“. Er trieb sie voran und gründete den weltweit ersten Lehrstuhl dafür.
Für die Mikrotherapie braucht er die teuren Geräte: Durch die exakten Bilder der Computer- oder Kernspintomographen können Instrumente präzise gesteuert werden und dadurch an verschiedenen Körperstellen medikamentös Schmerzen gelindert oder mikroinvasive Eingriffe wie Bandscheiben- oder Hüftgelenksbehandlungen mit Instrumenten von 0,1 bis 2, 5 Millimeter Durchmesser durchgeführt werden. Meist ohne Vollnarkose und ambulant.
Markenkern: Medizin in Wohlfühlatmosphäre
Lange hat Grönemeyer mit diesem Verfahren nur Privatpatienten und Selbstzahler behandelt. Seit einigen Jahren hat er auch mit ein paar gesetzlichen Krankenkassen Sondervereinbarungen. Vorwürfe manch anderer Mediziner, seine Methoden seien zu wenig wissenschaftlich untermauert, weist er zurück. Auf die Kritik angesprochen, sagte er einmal, wer Innovationen vorantreiben wolle, der brauche breite Schultern. Die größten Gegner von Neuerungen seien oft die eigenen Kollegen.
Viel Ruhe bleibt an diesem Nachmittag nicht, die Raffinesse der bildgebenden Geräte zu verstehen. Denn Grönemeyers Assistentin schaut auf die Uhr, tippt auf ihrem Smartphone, telefoniert, tippt. Sie macht es spannend. Dann heißt es: „Nun hat der Professor Zeit.“ Es geht durch mehrere bunte Gänge zurück, vorbei an Sekretariaten und wartenden Patienten.
Anders als es die Entourage hat erwarten lassen, wirkt der Professor entspannt und heiter. Sympathischer Blick, offenes Lachen, freundliche Begrüßung. Grönemeyer trägt modische Jeans, fliederfarbenes Polohemd, randlose Brille; einzelne Strähnen seines dünnen hellen Haares fallen ihm in die Stirn. Sein Büro ist im Institut die Krone des Einrichtungskonzepts. Gelbliche Stehlampe, roter Schreibtisch, mit einer Obstschale dekoriert, Teeservice auf der Kommode, auf der Fensterbank Pflanzen und Kunst.
Grönemeyer: Der perfekte Mediziner?
Zu Grönemeyers Leben gehört die Kunst. Sie verbindet ihn mit seinen Geschwistern. Sein mittlerer Bruder Wilhelm war Künstler und Galerist. Sein jüngerer Bruder Herbert ist Musiker und Schauspieler. Für Grönemeyers Dietrich hat auch die Medizin viel mit Kunst zu tun. Bei der Arbeit eines Arztes gehe es um mehr als um angewandte Naturwissenschaft, erklärt er jetzt. Es sei das „Kunstwerk Leben“, mit dem sich Ärzte tagtäglich befassten. Jeder Mensch lebe und reagiere anders, sei eine individuelle Persönlichkeit.
Die „Heilkunst“ beherrscht ein Arzt für Grönemeyer vor allem, wenn es ihm gelingt, zuzuhören, Vertrauen zu schaffen, empathisch und menschlich zu sein. „Und“, so schließt er an, „ein individuelles Therapiekonzept für den Patienten zu entwickeln, das auf den Prinzipien ,Weniger ist mehr‘ und ,Von leicht nach schwer‘ fußt, mit einem integrativen Therapieansatz der Schulmedizin, Naturheilkunde und psychosomatischer Medizin.“
Dafür plädiert der Bochumer seit Jahren: für den Arzt, der bei Patienten die Einheit aus Körper, Seele und Geist sieht, der sich Zeit nimmt, der ehrlich gemeinte mitmenschliche Fürsorge betreibt, im interdisziplinären Team arbeitet und aus verschiedenen Sparten der Medizin die beste Behandlung auswählt. Rundum der perfekte Arzt.
Vorbildliche Ärzte: Eine Stunde Gespräch pro Patient
Wenn Grönemeyer von dem erzählt, was für ihn ärztliches Handeln ausmacht, oder wenn er seine Ideen für die Zukunft der Medizin erläutert, kneift er die Augen hinter den Brillengläsern leicht zusammen und legt die Stirn in kleine Falten. „Hier im Institut nehmen sich Ärzte für jeden Patienten bis zu einer Stunde Zeit für das Gespräch.“ Vorbildhaft, von dieser Haltung könnte sich manch ein Arzt eine Scheibe abschneiden.
Doch, so möchte man einwenden: Das kann sich kein Hausarzt mit vollem Wartezimmer erlauben. Die Philosophie der Grönemeyer-Medizin scheint an den Anforderungen des Alltags zahlreicher Mediziner schlichtweg vorbeizugehen. „Viel Zeit für das Gespräch kann sich ein Hausarzt leider wirklich nicht leisten“, gibt auch Grönemeyer zu. „Es gibt dafür keine finanziell ausreichende Gebühr.“ Diese fordere er seit langem öffentlich. Nur so könne Vertrauen entstehen.
Musical, Kinofilm, DVDs: Vermarktungsmaschinerie Medicus
Dass Grönemeyer sich dem Korsett der deutschen Gesundheitsökonomie weitgehend entziehen kann, liegt an seiner Begabung zur Selbstvermarktung. Er selbst mag das zwar nicht so stehenlassen. Das sei keine Vermarktung, sagt er. Er schreibe, um möglichst einfach und spannend Wissen zu vermitteln. Patient und Arzt sollten sich auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam Entscheidungen treffen. Das gehe aber nur, wenn beim Patienten auch Wissen vorhanden sei. Ebenda versuche er anzusetzen.
Kanäle hat Grönemeyer zahlreiche gefunden: ein gutes Dutzend Ratgeber, für Groß und Klein, DVDs, ein Spiel. Dazu kommen Fernsehauftritte, eigene Fernsehsendungen, Gesundheitsunterricht an Schulen, Zeitungsbeiträge. Einer seiner Verkaufsschlager ist „Der kleine Medicus“ – die Geschichte eines Jungen, der während diverser Abenteuerreisen die Geheimnisse des eigenen Körpers entdeckt und erklärt bekommt, was er tun kann, um gesund zu leben. Vom kleinen Medicus gibt es nicht nur Bücher zum Hören und Lesen, sondern mittlerweile auch ein Musical sowie ein Mitmach-Theater; am 30. Oktober kommt ein „Medicus“-3D-Animationsfilm in die Kinos.
Auch wenn er selbst die Eigenvermarktung bestreitet: Von außen darauf geschaut, ist Grönemeyer selbst natürlich eine Marke. Seinen bekannten Nachnamen bringt er praktisch in allem unter, was mit ihm zu tun hat: „Grönemeyer Kommunikation“, „Grönemeyer TV“, „Grönemeyer Shop“ die Liste setzt sich fort bis zur „Grönemeyer-Stiftung“ und schließlich bis zur „Grönemeyer Medizin“ – eine Bezeichnung, die er sich gleich markenrechtlich hat schützen lassen.
Grönemeyer will die Ärzteschaft verändern
Die Popularität ist, wenn man so will, die Belohnung für eine von Grönemeyers unbestreitbaren Stärken: Das Zuhören beherrscht er perfekt. Er geht auf sein Gegenüber ein und vermag es, Menschen für sich einzunehmen. Er ist verbindlich im persönlichen Kontakt, geduldig, authentisch und neugierig. Starallüren hat sich der dreifache Vater nicht angewöhnt – und wenn doch, kann er sie gut verstecken.
Nächsten Monat wird Grönemeyer 62. Geht es nach ihm und macht es seine Gesundheit mit, würde er mit klarem Verstand gerne 100 bis 120 Jahre alt werden. Was er noch vorhat? „Nach vorne gerichtet agieren“, „Bücher schreiben“, „Patienten behandeln“, „möglichst lange noch dabei sein“. Grönemeyer lacht, herzlich, glucksend, ansteckend, aber er lässt keinen Zweifel daran, ein Ende seiner Umtriebigkeit ist nicht in Sicht.
Schließlich treibt ihn der Wunsch, in Patientenversorgung und Gesundheitswesen etwas zu ändern, seit Beginn an. Als Kind war Grönemeyer häufig krank und hatte höllische Angst vor Ärzten. „Zwei meiner Tanten waren Ärztinnen, eine schulmedizinisch, eine naturheilkundlich orientiert. Dazu hatte ich eine überängstliche Mutter. Die drei haben mich bei jedem Hüsteln zum Arzt geschickt.“ Damals konnten Kinder noch so sehr schreien, untersucht und Blut abgenommen wurde trotzdem, erinnert er sich. Das habe ihn wohl ängstlich gemacht. Als er dann als junger Erwachsener starke Schmerzen wegen einer Nasenoperation aushalten musste, stand sein Entschluss fest: Ich werde Arzt, und ich werde meine Patienten anders behandeln.
Tod des Bruders als einschneidendes Erlebnis
Neben der Medizin spielt auch der Glaube in seinem Leben eine wichtige Rolle. Grönemeyer ist überzeugter Christ. Er ist evangelisch erzogen. In jungen Jahren wollte er Pastor werden. Er ist sich sicher, dass „das Leben eines jeden Einzelnen einen Sinn hat, den wir möglicherweise nie verstehen werden“. Zu wissen, dass er Teil eines Ganzen ist, gebe ihm Kraft und mache es ihm leichter, dankbar leben und medizinisch handeln zu können.
Dass es einen Schöpfer geben muss, sei ihm besonders am Grab seines Bruders Wilhelm bewusstgeworden. Der starb 1998 mit vierundvierzig Jahren an Blutkrebs. Dietrich und auch sein Bruder Herbert hatten sich zur Knochenmarksspende zur Verfügung gestellt. Zusammen mit Wilhelm, so erzählt Dietrich Grönemeyer, habe er die notwendigen Therapien besprochen und entschieden; er habe den Bruder beraten, auch gepflegt und begleitet bis zum Tod.
Doch am Sarg sei ihm klargeworden: „Am Ende entscheiden nicht wir, wann wir gehen und auch nicht, wann wir auf die Erde kommen.“ Während er vom Abschied seines Bruders erzählt, liegen seine Hände ruhig auf dem Schreibtisch; er gestikuliert nicht, wie es sonst seine Art ist, wenn er fordert oder ermahnt.
„Mein Bruder ist in meinen Armen gestorben.“
Es habe ihm viel bedeutet, dass er vor dem Tod seines Bruders oft und lange mit ihm über die Frage gesprochen habe, was nach dem Tod kommt. Als Wilhelm schließlich „in eine andere Welt ging, von der keiner weiß, wo sie ist“, war Dietrich Grönemeyer dabei, auf der Intensivstation. „Mein Bruder ist in meinen Armen gestorben.“
Stille. Grönemeyer richtet sich in seinem Schreibtischstuhl auf und sagt: „Ärzte sollten sich viel mehr mit ethischen und philosophischen Fragen auseinandersetzen. Die können wir nicht auf Psychologen und Kirchen abwälzen. Ärzte müssen auch Seelsorger sein und dafür ausgebildet werden.“
Grönemeyer wäre nicht, was er heute ist, wenn er mit seinen persönlichen Erfahrungen nicht auch Forderungen an den eigenen Berufsstand verbinden würde. Was er von seinen Kollegen ebenfalls noch verlangt: „Ärzte müssen viel mehr darüber reden, was ihre besonderen Fähigkeiten sind, worauf sie spezialisiert sind und was sie leisten. Leider ist das hierzulande nicht üblich.“ Er würde sich wünschen, dass Ärzte sich mehr für die Prävention von Krankheiten einsetzten, zum Beispiel indem sie Schüler über gesundes Verhalten aufklären.
Grönemeyer: Arzt und Unternehmer
Dass er Ratschläge verteile, die er selbst nicht beherzigt, kann man Grönemeyer nicht vorwerfen. Er redet viel, sehr viel darüber, was er macht, was er anstößt, besonders gerne in der Öffentlichkeit, möglichst medienwirksam, bedacht auf seine Wirkung. Seine Promotion-Tour zum ersten Film mit dem „Kleinen Medicus“ hat gerade erst begonnen, und auch darüber redet er natürlich. Er stößt sich mit seinem Stuhl zurück und klappt den Laptop auf. Darauf zu sehen ist das MRT-Bild einer Wirbelsäule. In wenigen Worten erklärt er, woran der Patient leidet. Dann klickt er auf die Computer-Maus. Auf dem Bildschirm erscheint der Trailer zum Film.
Arzt zu sein und Unternehmer zu sein, das liegt für Grönemeyer offenbar wie selbstverständlich nur einen Maus-Klick auseinander. Er hat einen Blick für den Zeitgeist, der Erfolg seiner Bücher beweist es. Das alles kann ihm keiner seiner kritischen Kollegen übelnehmen. Und Deutschland kann angesichts der steigenden Zahl an Zivilisationskrankheiten Aufklärung über gesundes Leben gebrauchen.
Aufmerksamkeit für den Popstar der Medizin
Die arbeitsteilige Gesellschaft hat Grönemeyer die Planstelle für den öffentlichen Mediziner, Kategorie ernsthaft, übertragen, Eckart von Hirschhausen jene für den Mediziner als Spaßvogel. Grönemeyer jedenfalls füllt seine Stelle aus.
Dass er damit aber manchen schiefen Blick von Kollegen auf sich zieht, die nach vierzehn Stunden Arbeit noch immer Patienten mit Kopfweh, Grippe und anderen Banalitäten im Wartezimmer sitzen haben, verwundert nicht. Grönemeyer fordert aus einer privilegierten Situation heraus, die er sich selbst clever erarbeitet hat und über die er Sätze sagt wie: „Jedem steht offen, zu schreiben oder Vorträge zu halten“, die aber auch weit weg ist von der Arbeitsbelastung und der Realität vieler Ärzte.
Vor zehn Jahren sagte Grönemeyer mal in einem Interview: „Gute Ärzte, Wissenschaftler und Forscher sollten mindestens die Aufmerksamkeit bekommen wie die heutigen Popstars.“ Sich selbst zumindest hat er diesen Wunsch erfüllt.






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